white and black wooden quote board

Prologe können in die Handlung einleiten, Charaktere vorstellen und auf mögliche Konflikte hinweisen. Oftmals soll er auch Fragen aufwerfen und Neugierde wecken.

Noas Geschichte hatte lange einen Prolog, den ich irgendwann herausgenommen habe. Begleitet Noa hier also exklusiv ins Badezimmer und findet heraus, warum sie sich darin versteckt und was ihr dabei durch den Kopf geht.

Die Tür fiel hinter ihr zu, laut und hallend in der Stille des vor ihr liegenden Badezimmers. Die weißen Fliesen waren klinisch rein, der leichte Geruch von Zitrone lag in der Luft. Schnell und immer schneller ging ihr Atem, weiße Punkte tanzten vor ihren geschlossenen Augen, als sie in Richtung des Waschtisches wankte.

Ihre Hände begannen zu zittern, eine Panikattacke, wie sie sie seit ihrer frühsten Jugend immer wieder erfuhr. Gleichzeitig begann ihr Herz zu rasen und feine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, gut verdeckt von einem extra für das Meeting geschnittenen Pony. Shit, fluchte sie nur lautlos, als das Rauschen in ihren Ohren begann. Ihr Fokus verschwamm und sie beinahe fiel sie auf ihren Hintern, als sie sich abrupt hinhockte. Schnell brachte sie ihren Kopf zwischen die Knie und umschloss sich selbst mit den Armen, sodass sie aussehen musste wie ein seltsam geformter menschlicher Ball. Doch so spürte sie sich, so wusste sie, dass sie trotz des Drucks, der Erwartungen, Ansprüche, Belastungen noch immer sie war, auch wenn das kaum nach außen dringen durfte.

Auch jetzt durfte sie sich nicht in ihrer Panik verlieren und irgendwem zeigen, wie sehr sie die Situation in diesem Moment belastete. Denn die Öffentlichkeit, inklusive ihrer langjährigen Freunde, kannten nur die lebenslustige, starke und vor allem emanzipierte Noa. Sie kannten nur die Frau, die sich schon immer den Regeln widersetzt hatte und die auf jeder Party tanzte. Und die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr Videos von sich und sämtlichen Content, der ihr in die Finger geriet, ins Netz gestellt und damit unglaublich viel Kohle gescheffelt hatte. Tief in sich war sie jedoch nicht diese selbstbewusste ignorante und oberflächliche Person, sondern viel eher die, die diese ganze Veranstaltung hier am liebsten in die Luft gejagt hätte

Ein Kribbeln begann in ihren Fingerspitzen, ein deutliches Anzeichen, dass es Zeit wurde, sich wieder in den Griff zu kriegen. Schon hörte sie ihren eigenen schnellen Atem, spürte ihren Körper wieder, ihre Grenzen. Sie war stark, sie war mutig, sie war jung und sie hatte ein Ziel. Und sie selbst würde sich dabei nicht im Weg stehen.

Vielleicht vergingen einige Minuten, doch einige hundert Atemzüge später konnte sie sich aufrichten. Leicht schwankend hielt sie sich am Waschbecken vor ihr fest, ihr Gesicht blass im großen Spiegel dahinter. So konnte sie in keinem Fall zurück zum Meeting. Immerhin ging es da um viel Geld, das sie unbedingt brauchte.

Wochen schon hatte sie davon geredet, Wochen bereits geplant, wohin die Gelder wandern würden. Sie verdiente an dem geplanten Wochenende verfluchte 50.000 Ecru mit ein paar Videos und ein paar Livestreams, die sie und ihre Besties beim Feiern zeigen würden. Außerdem würde sie weitere 5.000 Ecru Bargeld erhalten, um auf dem Festivalgelände alles mitzunehmen, was es zu sehen gab. Sie würde von Wild Magic gestellte Geräte nutzen, um optimale Videos zu erstellen und im Anschluss an die Veröffentlichungen weitere 50.000 Ecru verdienen, sofern ihre Posts denn die nötige Reichweite und damit den gewünschten Erfolg brachten.

Immerhin erhoffte sich Wild Magic mit ihr als Werbepartnerin einen sofortigen Run auf die Tickets für das nächste Event, das Many Moons Festival im kommenden Sommer, die eigentliche Cashcow der Agentur. Über 100.000 Tickets würden zur Verfügung stehen, das Gelände ganz in der Nähe der Grey Mountains gigantisch, die Vorbereitungen dafür ebenso überdimensional. Sie hatte für beide Veranstaltungen bereits geworben und einen Vertrag aufgesetzt, um auch beim nächsten Festival dabei sein zu können. Sie brauchte die Kohle, sie brauchte die Reichweite, sie brauchte die Unterstützung der Fans, um …

Schnell verdrängte sie die Gedanken und sah erneut das Promo-Video der Agentur vor ihrem geistigen Auge. Dutzende Menschen planten dieses seit Monaten und hatten einen wahren Themenpark im Blackwood Forest mit den urtümlichen indigenen Statuen, die man hier vorfand, geschaffen. Das durchdachte mystische Konzept würde viele sommerlich offene Zelte bieten. Zwischen denen wären die Tänzerinnen und Tänzern mit ihren Feenflügeln unterwegs, dort wären auch die Cocktailbars, die über und über mit frischen Pflanzen geschmückt sein würden … All das würde ein wahrer Traum werden und doch beinahe für sie unerträglich, denn …

Sie schluckte hart, drehte dann das Wasser auf und trank einen kleinen Schluck. Die Enge in ihrem Hals verschwand jedoch nicht. Denn je mehr sie darüber nachdachte, dass sie inmitten tausender anderer ein ganzes Wochenende feiern sollte, desto unrealistischer erschien es ihr, dieses Schauspiel aufrecht erhalten zu können. Eine feine kleine Stimme, die seit Monaten ungebremst in ihr schrie, ließ sie nicht genießen, dass sie dort frei sein könnte. Denn Freiheit bedeutete in diesem Land Ignoranz und diese hatte sie schon vor einer Weile abgelegt.

Ihr Handy vibrierte mehrfach, als kämen gleichzeitig mehrere Nachrichten an. Sie rührte sich jedoch nicht, sah erneut zu ihrem Spiegelbild und atmete mehrfach tief durch. Erst dann, ihr Puls nun ruhiger werdend, nahm sie das Handy aus ihrer kleinen Prada-Tasche, die ihr ebenso von einem Sponsor zur Verfügung gestellt wurde. Sie würde dieses Teil spenden, irgendeine Charity-Aktion ins Leben rufen und dann das Geld an die wirklich Bedürftigen geben. So etwas entschied sie nicht das erste Mal, wobei auch das wieder viel Arbeit werden würde. Genau wie es dann Teil ihrer Arbeit war, sich selbst zu vermarkten.

Schon so lange war genau das ihr Leben, ein Leben in der Öffentlichkeit mit tausenden Zuschauern jede Minute. Irgendwann hatte sie begonnen mit einfachen Videos, in denen sie ihre Haare gestylt, neue Klamotten anprobiert und Nägel lackiert hatte. Mit dem Erfolg waren die Ansprüche gestiegen. Jedes gepostete Foto wurde zuvor x-Mal umgestellt, jedes Video mehrfach aufgenommen, bearbeitet und geschnitten, bis es perfekt war.

So prägte sie schon seit Jahren den Alltag anderer, die sie dabei begleiteten. Viele sahen in ihr ein Vorbild, sahen in ihr jemanden, zu dem sie aufsehen konnten, jemanden, der authentisch war und ihnen ein Leben zeigte, das sie so vermutlich nie erleben würden. Dass das meiste davon nur Schein war, ein geborgtes Leben, ein Leben auf Kosten so vieler anderer, das hatte sie viel zu spät erkannt. Erst viel zu spät hatte sie die Augen für das doch kaum Übersehbare geöffnet, doch nun …

Mit leicht zittrigen Fingern öffnete sie die Tasche, ignorierte das Handy und doch nahm ihre Kosmetikutensilien. Schnell brachte sie wieder etwas Farbe in ihr Gesicht und zog zu guter Letzt ihren Lippenstift nach. Auch dieser war ein Werbegeschenk gewesen, die Bitte, dass sie diesen dann in ihren Videos anpreisen sollte, nicht einmal mehr ausgesprochen. Jeder wusste, wie das Geschäft lief. Jeder wusste, dass sie Tag um Tag Videos hochlud, in denen sie neue Looks, Klamotten, Schmuck, Dessous oder Makeup testete, bewarb und an den Mann oder die Frau brachte. Das war ihre Daseinsberechtigung, ein selbstgewählter Weg ganz entgegensetzt zu den Plänen, die ihre Familie mit ihr ursprünglich gehabt hatte.

Ehe allein dieser Gedanke sie zurück in die Panik trieb, nahm sie schlussendlich doch ihr Handy und öffnete ihren übervollen Terminplan. Das letzte Oktoberwochenende sah ihr jungfräulich entgegen und schnell tippte sie die magischen Worte ein: New Moon Festival.

Es wäre eine einmalige Chance, dort eingeladen zu sein. Sie kannte viele Künstlerinnen und Künstler, die bei dort auftreten würden. Dort könnte sie die Kontakte wiederum nutzen, um weiteren Content zu produzieren, könnte vielleicht neue Sponsoren an Land ziehen. Darauf ließ sich aufbauen, genau, wie sie es seit Monaten sagte.

Die Welt stand ihr offen, ebenso ein Privileg, das sie viel zu wenig wertgeschätzt hatte und wie zu viele andere als gegeben hingenommen hatte. Doch sie nicht länger, nein. Denn ihr waren die Augen geöffnet worden. Und sie würde dafür sorgen, dass die derzeitigen Zustände in diesem Land sich bald änderten.

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